Jugend, Soziales und Gesundheit - Fixierungen in der Pflege - inhuman - unnötig - Tod als Folge nicht aus-geschlossen!


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Fixierungen in der Pflege - inhuman - unnötig - Tod als Folge nicht aus-geschlossen!

02.04.12 09:56 Uhr
Fachtag "Zur Freiheit seid ihr geboren/Reduzierung von Fixierungen im stationären Betreuungsbereich" im Kreishaus Bergheim ein voller Erfolg

Trotz des warmen Frühlingswetters begrüßten Landrat Werner Stump für den Rhein-Erft-Kreis und Kreiscaritasdirektor a.D. Arnold Biciste am 24. März 2012 vor vollem Haus neben den Studierenden der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung (FHöV) NRW, Abt. Köln, Ehrengäste, Vertreterinnen und Vertreter aus Pflege, Politik und Verwaltung sowie eine Vielzahl sonstiger Interessierter. Stellvertretend für Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW, nahm Markus Leßmann, Abteilungsleiter der Abteilung Pflege, Alter und demografische Entwicklung des MGEPA NRW an der Veranstaltung teil. Projektleiter Prof. Dr. Frank Bätge führte in gewohnt souveräner Weise durch das Programm.

Uwe Brucker, Fachgebietsleiter Pflegerische Versorgung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen e.V., kurz MDS, legte unter dem Titel "Frei leben mit Demenz" anhand von Fakten dar, wie oft in Deutschlands Senioreneinrichtungen Fixierungen unterschiedlichster Art legal Verwendung finden. Am häufigsten betroffen von derart unmenschlichen Maßnahmen sind Menschen mit Demenz. Erschreckend waren die Ergebnisse einer Studie, die 2011 in Bayern durchgeführt wurde. Von 92 an der Studie beteiligten Probanden wurden 24% - das sind nahezu ein Viertel - 24 Stunden täglich! fixiert; 33% für einen Zeitraum von 13 bis 24 Stunden täglich; 17% für die Dauer von 9 bis 12 Stunden täglich und bei immer noch 26% der Probanden erfolgten täglich Fixierungen bis zu 8 Stunden.

Ebenso erschreckend die Ergebnisse einer Studie der Fachhochschule Fulda aus dem Jahr 2010: Nachvollzogen werden sollte der Tod von Opfern unsachgemäßer Fixierungen. Prof. Dr. Andrea Berzlanovich, Medizinische Universität Wien, stellte im Auftrag der FH Fulda anhand von 33 Obduktionen (82% hiervon waren Menschen mit Demenz) fest, dass es sich bei der Todesursache in 19 Fällen um Strangulation/Halskompression handelte. Der Todeskampf beträgt hier etwa 8 bis 10 Minuten. In 3 Fällen trat der Tod durch Brustkorbkompression ein (Todeskampf 20 bis 25 Minuten!). Ursache für den Eintritt des Todes in 11 Fällen war die Kopftieflage. In diesen Fällen beträgt der Todeskampf etwa 30 bis 45 Minuten! Betroffene sind selbst nicht in der Lage, sich aus diesen lebensbedrohlichen Situationen zu befreien. Sie sterben einen qualvollen Tod, werden sie nicht rechtzeitig aufgefunden.

"Inhuman und vor allem unnötig" bezeichnet Brucker die Anwendung von Fixierungen, denn Einrichtungen in Deutschland haben bereits bewiesen, dass Fixierungen durch den Einsatz von Alternativen und einer verbesserten Pflege nicht erforderlich sind.

Stefan Knor, Dipl.-Theologe und Sterbebegleiter, referierte zum Thema "Freiheit und Sicherheit - Zwei unterschiedliche Ideale".

"Die Wünsche nach größtmöglicher Sicherheit einerseits und möglichst weitgehender individueller Freiheit andererseits stehen in einem starken Spannungsverhältnis", stellte er fest.

Eindrucksvoll, anhand alltäglicher Beispiele, erläuterte er seine These in Anlehnung an Arthur Schopenhauers "Frierende Stachelschweine im Winter: Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen.
Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welche sie dann wieder voneinander entfernte.
Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, sodass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am ehesten aushalten konnten."

Wichtige Erkenntnisse und Ergebnisse des Projektberichtes "Die Kommunen des Rhein-Erft-Kreises vor den Herausforderungen des demografischen Wandels/Schwerpunkt: Reduzierung von Fixierungen im stationären Betreuungsbereich" trugen Hannah Bolk (Rhein-Erft-Kreis), André Bongert (Rhein-Kreis Neuss) und Projektsprecher Sebastian Grunow (Rhein-Erft-Kreis) vor. Fixierungen - Was ist das das? Welche Arten von Fixierungen gibt es überhaupt? Was sind die Ursachen und Risiken beim Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen? Diesen und weiteren Fragen stellte sich die insgesamt 10-köpfige Projektgruppe der FHöV NRW, Abt. Köln, im Rahmen des Projektstudiums 2011/2012. Neben Mitarbeiterbefragungen in den Reihen des Caritasverbandes für den Rhein-Erft-Kreis e.V. wurden eine Vielzahl von Experteninterviews durchgeführt und ausgewertet sowie unterschiedliche nationale und internationale Projekte und Kampagnen vorgestellt. Rechtliche und ethische Aspekte runden das Bild des Projektberichtes ab. Das Herzstück stellen die Vorstellung von Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen, deren Umsetzung beim Kooperationspartner Caritasverband für den Rhein-Erft-Kreis e.V. und die Handlungsansätze dar. Im Gegensatz zu den Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen kommen die vorgestellten, beispielhaft aufgeführten Handlungsansätze im Rhein-Erft-Kreis noch nicht flächendeckend zum Einsatz. Es handelt sich sowohl um Verbesserungsvorschläge bzw. die Erweiterung bereits vorhandener Strukturen, als auch um die Erschließung neuer Denkansätze. Die Ausarbeitungen beziehen sich zwar auf das Gebiet des Rhein-Erft-Kreises, jedoch ist ein Transfer zu anderen Trägern, ambulanten Pflegediensten sowie in weitere Städte und Kreise durchaus denkbar und erwünscht.

Georg Falterbaum, Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes Rhein-Erft e.V., zieht Bilanz: "Die Zielsetzung, auf Fixierungen zu verzichten, werden wir weiter mit allen Kräften verfolgen. Als Kooperationspartner dieses Projektes haben wir in den persönlichen Begegnungen und dem Austausch mit den Studierenden wertvolle Denkanstöße, Anregungen und neue Handlungskonzepte erfahren, die wir in die ganz konkrete praktische Arbeit haben einfließen lassen und auch weiter mit einfließen lassen werden."

Abschließend verlas Birgit Mrotzek, Leiterin des Amtes für Familien, Generationen und Soziales, im Namen von Madeleine Viol, Ev. Hochschule Freiburg, die aus familiären Gründen leider sehr kurzfristig ihre Teilnahme am Fachtag absagen musste, die Laudatio.

"Liebe Studierende, sehr geehrte Damen und Herren, werte Gäste,
[…] Freiheit wird gerade dann zum höchsten Gut, wenn Sie bedroht ist. Dies haben Sie sicherlich auch während der gesamten Projektarbeit erfahren. Mir erging es jedenfalls so. Je mehr ich mich in Ihre Arbeit eingelesen habe - umso köstlicher empfand ich sie. Die eigene Freiheit. [...] Es gibt in unserer Gesellschaft und auch im sozialen Umfeld Verhaltensregeln. [...] Wir degradieren Personen, die sich die Freiheit herausnehmen - anders zu sein. [...] Sie werden unbequem, schreien, benutzen unsägliche Schimpfworte und tun wunderliche Sachen, wollen in der Nacht frühstücken, legen sich in fremde Betten. [...] Wenn wir das Anderssein nicht zulassen, dann werden wir auch weiterhin Gewalt anwenden, um den anderen in ein bestimmtes Bild zu drängen.
Auch in Ihrer Projektarbeit wird deutlich, wie wichtig es ist, unseren eigenen Blick zu verändern. [...] Die Frage der Freiheitsentziehenden Maßnahmen ist damit nur zum Teil eine Frage der Freiheit des Einzelnen. Es ist auch die Frage nach der Verantwortung. Wer kümmert sich? Werden Sie, liebe Studierende, sich nach Abschluss Ihrer Arbeit kümmern? Oder ist es nach Abgabe der Prüfungsleistung damit schon vorbei - werden Sie die Verantwortung abgeben an die Stadt, den Träger, die Pflegekräfte? Genug Arbeitsaufträge an all diese Akteure haben Sie in Ihrem Projektbericht ja formuliert. Aber wo bleiben Sie zukünftig?
Eine neue Kultur des Umgangs mit Älteren bleibt unsere Herausforderung. Sie ist eine der größten Herausforderungen. Wir brauchen den Mut, neue Wege zu beschreiten. Genau diesen Mut, liebe Studierende, wünsche ich Ihnen. Mischen Sie sich ein. Sie haben für das Thema nun viel Fachexpertise entwickelt. Es wäre schade, dies jetzt brach liegen zu lassen.

Seien Sie mittendrin, statt nur dabei. Seien Sie zu jederzeit offen. Offen für Neues, offen für Diskussionen - begraben Sie nie eine gute Idee. Seien Sie fragend - nehmen Sie nie die Dinge so hin, wie sie schon immer waren. Denn nur durch Ihre kritische Betrachtung erhalten die Dinge ein anderes Gesicht. Und wer nicht fragt, bleibt ja bekanntlich dumm. Seien Sie achtsam - immer und zu jedem, dann werden auch Sie als Mensch wahrgenommen und nicht als ein Mitarbeiter hinter einem Schreibtisch.

Seien Sie Veränderer. Ich glaube, unsere Welt und unsere Demokratie hat genug Menschen, die sich beklagen und dann doch vor der Tat zurückschrecken. Die dann denken, man kann ja eh nichts machen, es wird sich ja eh nichts ändern.
Mit dieser Einstellung wird sich tatsächlich nichts ändern. Aber Sie haben noch alles vor sich – drehen Sie an den kleinen und großen Rädern unserer Gesellschaft. Es wäre dringend nötig.

Und am Ende möchte ich Ihnen noch einen Gedanken von Benjamin Franklin mitgeben, der treffender nicht sein könnte: "Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren."

Das Rahmenprogramm des Fachtages gestaltete die Ausstellung des Kunstprojektes "Aktivitäten und existentielle Erfahrungen des täglichen Lebens" von Altenpflegeschülerinnen und -schülern der Altenpflegeschule Bergheim im Auftrag des Institutes für Pflege und Soziales (IPS) gGmbH, Hückelhoven, die Präsentation "4 Pfoten für Sie" von Änne Türke, Demenz-Servicezentrum Region Köln und das südliche Rheinland sowie die Präsentation der Kuschelrobbe "Paro" durch Tobias Bachhausen, Beziehungen-pflegen UG (haftungsbeschränkt).

Denjenigen, die keinen Zugang zum Netz haben, können befristet Verleihexemplare des Projektberichtes zur Verfügung gestellt werden. Anmeldung unter 02271/83-4035.